Berlin 
  Nikolaiviertel
  
 
 
  
 
Verkehrsanbindung:
 Bahnhof Alexanderplatz, Bus 257, 142
 
  Das Nikolaiviertel
Gründungsort und Wiege Berlins
Älteste Berliner und Cöllner Zunftzeichen zieren das Becken 
des Gründungsbrunnens vor der Turmfront von Sankt Nikolai, 
in den symbolträchtig das lebensspendende Wasser fließt. 
Sie regen an zu einem Spaziergang durch die frühe Geschich- 
te der Stadt, laden ein zum Flanieren und Verweilen. Reizvol- 
le Straßenbilder mit Gassen und stillen Winkeln einerseits, 
weite Ausblicke auf den Berliner Dom mit neuer Kuppel und 
Laterne an der Spree oder zum Rathaus- und Fernsehturm 
andererseits schaffen ein einmaliges Flair. 
Eine große runde Bronzetafel mit dem ältesten Siegel der 
Stadt dokumentiert, daß hier um 1230 die aus dem Nord- 
harz stammenden Askanier, die Markgrafen Johann l. und 
Otto III. einer bestehenden Handelsniederlassung die städti- 
schen Privilegien verliehen. Gleichzeitig gründeten die aus 
dem niederrheinisch-westfälischen Wirtschaftsgebiet kom- 
menden Siedler die bedeutendste Pfarrkirche der Stadt. 
Ursprünglich eine dreischiffige romanische Pfeilerbasilika 
wurde sie 1378/79 (Chor) bzw. 1460 (Langhaus) nach einem 
Brand zu einer gotischen Haltenkirche umgebaut. Der massive 
Turmsockel des Gründerbaus hat sich bis heute als ein für die 
Stadt bedeutendes steinernes Zeugnis jener Stadtwerdung 
erhalten. 
Das anläßlich der 750-Jahr-Feier der ersten urkundlichen 
Erwähnung Berlin/Cöllns vor einem Jahrzehnt nach den 
Plänen des Autors wiederaufgebaute städtebauliche Ensemble 
um die Nikolaikirche erfuhr wie im Zeitraffer, was sich in an- 
deren historischen Stadtkernen in vielen Jahrzehnten schritt- 
weise entwickelt. Heute verfügt es wieder über eine kostbare 
lebendige Raumfolge, die eine frühe Entwicklungsetappe der Berliner Stadtgeschichte verkörpert. Stark beschädigt, aber 
wieder herstellbar, war die Instandsetzung der ältesten Kirche 
der Stadt für das ganze Viertel sinnstiftend. 
Eingebettet zwischen dem Berliner Rathaus und der Spree, 
beinhaltet das Stadtquartier ca. 800 Wohnungen, 33 Laden- 
geschäfte, 22 Gaststätten sowie museale Einrichtungen auf 
einem Areal von annähernd 50000 qm. Es behauptet sich 
heute als eine erste Adresse in allerbester Citylage neben vie 
len neueren spektakulären Ideen, Konzepten und Planungen 
namhafter Architekten im Berliner Stadtzentrum. 
Modisch - avantgardistische architektonische Bravourstück- 
chen finden sich hier nicht. Dafür wurden die weitgehend 
nach dem historischen Stadtgrundriß von Häusern gesäumtei 
Straßen- und Platzräume detailgetreu bis hin zu den ehemali 
gen Pflasterungen rekonstruiert. Mit der Wiedergewinnung 
der traditionellen Stadtstruktur konnte das früher von hier aus 
gehende städtische Lebensgefühl neu inszeniert werden. 
 
Auch das kunstgeschichtlich bedeutende palaisartige Bürger- 
haus des Architekten Friedrich Wilhelm Diterichs 1762- 1766 
für den Hofjuwelier und Münzpächter Friedrichs II., Nathan 
Veitel Heine Ephraim am Molkenmarkt konnte unter Verwen- 
dung eingelagerter schmückender Bauglieder nahe dem 
ehemaligen Standort orginalgetreu wieder aufgebaut werden. 
Die Gerichtslaube, Sitz des Rates und bauliches Sinnbild der 
freien Gerichtsbarkeit der Bürgerstadt, wurde an neuem 
Standort in die Bebauung einbezogen und ihre Gewölbe als 
Gaststätte ausgebaut. 
Das Gasthaus „Zum Nußbaum", ehemals auf der Cöllner 
Spreeinsel, Fischerstraße 21, gelegen, war eines der ältesten 
Giebelhäuser Berlins. 1705 erbaut wurde die Gaststätte durch 
Heinrich Zille, Otto Nagel, Claire Waldoff und viele andere 
bekannt. Weniger ein Unikat, sondern vielmehr ein Typ, der 
einmal das städtebauliche Umfeld der Nikolaikirche geprägt 
hat, steht er heute nach historischen Dokumenten ori-    ^ 
Bewahrte und zurückgewonnene sehenswerte Kostbarkeiten 
der Berliner Baukultur wie das Ephraimpalais, die Gerichtslau- 
be, das Knoblauchhaus mit dem historischen Gewölbe des 
Weinkellers oder die Gaststätte „Zum Nußbaum" sowie zahl- 
reiche Bürgerhäuser wurden instandgesetzt oder wieder 
errichtet und mit den Aufgaben eines heutigen Zentrumsbe- 
reiches zu einer Symbiose aus Geschichtlichem und Zeit- 
gemäßem entwickelt. 
So konnte das Bürgerhaus der Familie Knoblauch in der Post- 
straße 23 für Ausstellungen über ihre bedeutende Familienge- 
schichte ausgebaut und mit kulturhistorisch wertvollen Orgi- 
naiexponaten aus dem Besitz der Nachfahren ausgestattet 
werden. Das Barockgebäude wurde 1761 unter Nutzung der 
Kellergewölbe eines Vorgängerbaus von dem Nadlermeister 
Johann Christian Knoblauch errichtet. Der Sohn, Carl Friedrich 
Knoblauch, war Seidenfabrikant und trat als Stadtrat und Ab- 
geordneter des Kurmärkischen Landtages besonders mit der 
Denkschrift über die Neufassung der Gewerbeordnung im 
Vollzug der Stein-Hardenbergschen Reformen hervor. Enkel 
Eduard gründete den Berliner Architektenverein und erbaute 
die Russischen Botschaft, die Berliner Synagoge und das 
Etablissements Kroll. Bernhard Knoblauch gründete Unfallsta- 
tionen, das Krankentransportwesen und den Verband der 
Ersten Hilfe. 
 
 
Durch die Straßen und Gassen weht wieder ein Hauch von 
Geschichte und Kultur: Flanierten doch hier einst Persönlich- 
keiten wie Karl Friedrich Schinkel, Alexander von Humboldt, 
Friedrich Daniel Schleiermacher, Carl Friedrich Zelter, Adelbert 
von Chamisso, Christian Daniel Rauch, Christian Friedrich 
Tieck, Reinhold Begas, Gotthold Ephraim Lessing, Moses 
Mendelssohn, Heinrich Heine, Theodor Fontane und viele an- 
dere. Otto Nagel malte vor den Zerstörungen des Krieges hier 
seine Bilder und vermittelte uns so zuverlässig die ehemalige 
Farbgebung der kriegzerstörten Gebäude. 
Wer sich die Zeit nimmt, dieses historische Viertel zu erlaufen 
und ab und an in einem der Biergärten entspannt zu verwei- 
len, erfährt und genießt neben dem geschäftlichen Leben und 
Treiben zugleich das unverwechselbare charmante Ambiente. 
Viele moderne Läden und eleganten Modeboutiquen, Anti- 
quariate und Souvenirshops locken mit historischen und modi- 
schen Dingen. Reisebüros bieten reizvoll weltweite Angebote. 
Das Märkische Museum ist mit bemerkenswert hochkarätigen 
Ausstellungen in der spätgotischen Haltenkirche, im Ephraim- 
paiais und im Knoblauchhaus als bedeutenster Kulturträger 
präsent. 
Ein breites kulinarisches Angebot bester Berliner Hausmanns- 
kost, aber auch griechischer, italienischer oder asiatischer Spe- 
zialitäten findet sich in den kleinen Gaststätten. Abgeschirmt 
vom pulsierenden Verkehr der Hauptstadt ist das Quartier ein 
vertrauter Ort unseres „Gedächtnisses" geworden, der an- 
schaulich wechselvolte Geschichte und eine lebendige Stadt- 
kultur vermittelt. 
Diese Erinnerung an die Traditionen des Viertels hat vieles in 
der Phase der Planung nahegelegt, wobei diese Rückbesin- 
nung in keinem Widerspruch zur Innovation steht, die die 
neuen Bedingungen erforderten. Als 1979 ein städtebaulicher 
Wettbewerb für den Wiederaufbau ausgelobt wurde, waren 
die Fehler der Vergangenheit im Osten wie im Westen offen- 
kundig: Nach den Zerstörungen des Krieges wurden nicht nur 
viele wiederaufbaufähige Gebäude abgerissen, sondern auch 
wesentliche Teile des Stadtgrundrisses in dem irrigen Glauben 
zerstört, um auf diese Weise einen geistigen Neuanfang zu 
leisten. 
 
Auch die kleinen Gewerbetreibenden in den Gaststätten und 
Läden im Nikolaiviertel genießen heute die neugewonnenen 
Segnungen der sozialen Marktwirtschaft, bei der aber auch 
Ideal und alltägliche Erfahrung oft auseinander fallen. 
Trotz allem oder gerade deshalb ist das Viertel in diesen ereig- 
nisreichen Jahren wieder eine geschätzte Adresse geworden, 
ein „Kiez", der sich für die Menschen im ganzen Berlin als 
pulsierende Mitte erweist. 
Die Wohnungsbaugesellschaft Mitte hat mit einer behutsa- 
men Sanierung begonnen, um dem Viertel mit frischen Far- 
ben wieder ein freundliches Aussehen zu geben. In diesem 
Zusammenhang werden auch in allen Wohngebäuden die 
Treppenhäuser renoviert und die Dächer erneuert. 
Zunehmend wird das Viertel von vielen Berlinern und auswärtigen Besuchern als attraktiver geschäftlicher und kultureller Anziehungspunkt geschätzt und angenommen. Deshalb gibt es  gute Gründe, das Nikolaiviertel zu besuchen.
 
 
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